I have a dream
Juni 07, 2011 in: Sonntags-Kolumne Autor: J. Lorch
I have a dream … anlässlich der Feier für die Einführung der hunderttausendsten steuerlichen Rechtsverordnung hat Frau Dr. Merkel von einer alternativlosen Notwendigkeit gesprochen, man darf auf keinen Fall auf diesem Gebiet die Führerschaft in der europäischen Union aufgeben. Der Deutsche Steuerberaterbund startete daraufhin die Initiative „Walküre“ und beschloss auf der letzten Hauptver-sammlung eine jährliche Umlage von 500 € für jedes Mitglied. Man will mit diesem bescheidenen Beitrag kompetente Mitarbeiter gewinnen, die im Gesetzgebungsverfahren auf europäischer Ebene den Beamten Paroli bieten sollen
Ab hier bitte weiterlesen:
Der Vorstand vom Bund der Steuerzahler sah sich sofort genötigt, eine Pressemitteilung herauszugeben. Dort hieß es, das wären Schritte in die richtige Richtung, aber man vermisse eine gewisse Nachhaltigkeit in der heutigen Zeit.
Ein Vertreter der Steuergewerkschaft äußerte sich nörgelnd im Fernsehen und meinte, das Geld sollte besser für die Anstellung von Betriebsprüfer ausgegeben werden.
Der SWR beeilte sich für die Tageschau einen kompetenten Interviewpartner zu gewinnen. Man fuhr mit der großen Besetzung auf die schwäbische Alb und hielt dem verdutzen Bauer Häberle das Mikrofon unter die Nase für ein übliches 15 Sekunden Statement. Der legte sofort los und die SWR-Redaktion sah sich genötigt, Untertitel einzublenden, gemäß dem Motto „Schwaben können alles außer Hochdeutsch“. Er verstehe nichts von Steuern, er bezahle auch seit Jahren keine Steuern, aber mit Mist kenne er sich gut aus, die Operation Walhalla, oder wie war noch einmal der Name, sei Geldverschwendung und somit großer Bockmist. Er drehte sich um und brummelte etwas in seinen Bart das wie Markus 10,25 lautete. Der Reporter stammelte nur noch: zurück ins Studio nach Hamburg.
Ich wachte schweißgebadet auf und eilte ins Wohnzimmer, um die Familienbibel zu Rate zu ziehen, um das Gleichnis zu deuten, mit der Gewissheit im Hinterkopf, dass der VBI und die BVPI ähnliche Aktionen planen. Nach geraumer Zeit habe ich das Gleichnis von Markus 10,25 verstanden und meine Interpretation lautet: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass die europäischen DIN-Normen vereinfacht werden.
Vor Jahren habe ich Bernd Ziesemer zitiert, der in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der ökonomischen Unvernunft“ folgendes ausführt:
Schuld an der Misere ist die Komplexitätsfalle. Eine bürokratische Überregulierung führt zur Paralyse. Jede weitere Reform macht das Regelwerk noch komplizierter.
Diese traurige Wahrheit trifft auf die neue Eurocodegeneration mit den nationalen Anhängen zu.
Es sind nur noch 12 Monate bis zur Einführung der neuen Eurocodes mit den zugehörigen nationalen Anhängen. Der Tragwerksplaner fühlt sich in der Zwischenzeit in die Fantasiewelt Mittelerde versetzt. Dort herrschen die Landvögte aus dem Haus des probabilistischen Wahnsinns und zusammen mit ihren Hofnarren reden sie fortwährend vom Fortschritt in der Normengebung. Es ist aber wie in der Politik, je schlechter das Projekt ist, umso mehr wird pausenlos Meinungsterror ausgeübt. Der Papierberg, den die Protagonisten produziert haben, liegt wie ein Fluch auf uns und erstickt die kreative Ingenieurkunst. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis aus dem friedlichen Hobbit ein Wutbürger wird.
Ein gutes Beispiel für den potenzierten Unsinn ist die Begrenzung der Rissbreite. Die Rissbreite lässt sich, wie wir alle wissen, nur annäherungsweise berechnen. Man hat jetzt aber auf europäischer Ebene Handlungsbedarf entdeckt. In der DIN 1045-1 war die Berechnung von sr,max schon aufwändig genug, aber in der DIN EN 1992-1-1 hat man dem gebeutelten Anwender weitere Beiwerte (k1, k2, k3, k4 und c) für die Ermittlung von sr,max geschenkt. Man muss sich also mit den Beiwerten beschäftigen, auswerten und mit dem nationalen Anwendungsdokument abgleichen. Setzt man die Hinweise im Anwendungsdokument um, so erhält man wundersamer Weise den Wert der DIN 1045-1 für sr,max. Es darf mit Recht gefragt werden, warum wird dem Anwender dieser umständliche Weg nicht erspart. Wir Anwender müssen sich mit diesem Murks nur beschäftigen, weil auf höchster Normenebene die Eitelkeiten einzelner Personen unbedingt gepflegt werden müssen.
Ein finanzielles Engagement auf unterster Ebene ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Es hat auch in der Vergangenheit nicht an fähigen Mitarbeitern aus der Praxis in den Normenausschüssen gefehlt. Es muss auf höchster Entscheidungsebene interveniert werden und das erfordert, wie wir alle wissen, viel höhere finanzielle Anstrengungen, als beim VPI und BVPI angedacht wurde.
Es wurden 4 Kommentare abgegeben.
Martin Haide am 11. Juni 2011 um 09:16
Sehr geehrter Herr Lorch,
Ihr Kollege, Herr Dr. Weiske, hat dazu in einer Veranstaltung der Ingenieurkammer Bd.-Württ. gesagt:
“7000 Seiten neue Normen - mit uns nicht!”
Nun werden wir sehen, wie er seinen Worten Taten folgen lässt.
Im Übrigen habe ich der Ingenieurkammer bereits vorgeschlagen, dass wir unsere Tragwerksplanung einfach auf der Grundlage unserer bisher gültigen Normen weitermachen und die EC, deren Überarbeitung ja nun in aller Mundes ist, bis zum Vorliegen der handhabbarer Versionen - so bis in 10 oder 15 Jahren - einfach nicht nutzen. Wer will den Tragwerksplanern und Prüfingenieuren das verbieten?!
Ich habe natürlich - wie immer - keine Antwort von meiner Standesvertretung bekommen und trage mich mit dem Gedanken auszutreten, weil die Ingenieurkammer ja auch sonst nichts Brauchbares auf die Reihe bekommt. Die sind mit internen Querelen bereits überbeschäftigt.
Vielen Dank übrigens für Ihren Artikel!
Mit freundlichen Grüßen
Martin Haide
am 12. Juni 2011 um 10:30
Wenn ich es recht weiß, haben sich 5 europäische Statssten entschlossen, diesen EC-Blödsinn nicht mehr mitzumachen. Zuvorderst Frankreich. Warum können wir das nicht auch??
Selbst bei täglicher Beschäftigung mit einzelnen Normen kann man dem Index-Wahnsinn nicht mehr folgen und ist statt mit Planen hauptsächlich mit “Blättern” in den völlig überteuerten Normvorlagen beschäftigt. Das Rissethema ist eingutes Beispiel von vielen, denn die Vorwerte, die nach dem Gusto des jeweiligen Planungsprotagonisten zu wählen sind, führen in’s Nirwana, wenn nicht persönliche Erfahrungen auf diesem Sektor hilfreich zur Seite stehen. Die Erdbeben-DIN ist auch so ein Fall. Der Beruf fängt unter den gegebenen Umständen an, keinen Spaß mehr zu machen. Der Wahnsinn kommt aber leider aus den eigenen Reihen bzw. aus den Reihen professoraler Wichtgtuer, die meinen, das Zählen Ihrer Erbsen sei wichtiger als der Wald. Ein Aufstand der Anwenderingenieure ist mehr als angebracht. Machen wir doch mal auf “Wutingenieure”.
Übrigens lese ich die Artikel mit Wonne und freue mich, dass hier so offene Worte gesprochen werden.
am 13. Juni 2011 um 11:13
Ich fühle mich dem Kollegen Lorch zu Dank verpflichtet. Ein einsamer Rufer in der Normenwildnis. Ich kann nur hoffen, dass er sich nicht unterkriegen lässt. Dem Kollegen Haide kann ich ebenfalls nur zustimmen. Auf zum Boykott von Normenpfusch!
M. Markwig
Andreas Obermüller am 14. Juni 2011 um 08:09
Sehr geehrter Herr Lorch,
vielen Dank für Ihre (mal wieder!) sehr treffende und witzige Zusammenfassung der aktuellen Lage bei den Normen. Aber wie Herr Haide schon geschrieben hat, ist mir einfach der Widerstand der Kammern hier deutlich zu wenig! Warum wird nicht wirklich mal richtig Druck gemacht und das auch nach Außen kommuniziert? Warum nicht “kreative Aktionen”, wie eben “neue Normen verweigern” und Ähnliches? Ich finde, das wäre mal wirklich an der Zeit!
Mit freundlichen Grüßen aus Bayern…
Andreas Obermüller
